Interview Karel Hamm
Interview per FAX mit Karel Hamm
Karel Hamm
Hallo Karel,
vielen Dank, dass Sie sich die Mühe machen wollen, unsere hoffentlich interessanten Fragen zu beantworten.
RFP :
Ich habe Ihre Internetseite nach Stage-Access Daten durchsucht um herauszufinden, wie lange es die Firma schon gibt, die Anzahl der Mitarbeiter und ähnliches, ich bin aber nicht richtig fündig geworden. Mir ist aber dabei aufgefallen, dass sich Stage-Access wohl in den Produktionsservice Karel Hamm und Stage-Access als solches aufteilt. Wie ist die Firmenstruktur von Stage-Access?
Karel Hamm:
Produktionsservice gibt es in selbständiger Form seit 1985 und ist quasi ein Vorläufer der nun so in Mode gekommenen ,, Ich AG ´´. Also das Model einer Einzelpersonenfirma mit voler Haftung, die Auftrags bezogen freie, selbständige Mitarbeiter zu den Produktionen hinzu zieht. Stage-Access wurde aus der Idee von 3 Freunden geboren, den Produktionsservice einerseits zu präsentieren, und im Weiteren die Arbeit derer die im „ Dunkeln `` der Showbranche tätig sind, für den Laien anschaulich zu machen und die Szene durch Kontakte etwas näher zusammen zu bringen In diesem Prozess befindet sich Stage-Access noch immer und der Faktor Zeit spielt hierbei eine sehr große Rolle, denn schließlich ist dies ein vollkommen unkommerzielles Project und erfordert sehr viel privaten und finanziellen Einsatz. Im Moment arbeiten 5 freie Mitarbeiter für Stage-Access.
RFP:
Wenn ich die Informationen Ihrer Interseite richtig interpretiere, versteht sich Stage-Access als Produktionsfirma. Wir kennen alle ein Endergebnis dieser Produktionen – Rock am Ring.
Wie aber sieht die Beauftragung für einen solchen Event aus? Heißt es da einfach nur ,, Baut da mal drei Bühnen auf?“
Karel Hamm:
Das ist natürlich bei jeder Produktion unterschiedlich, aber ich gebe hier mal zur Verdeutlichung ein einfaches Beispiel: Der Veranstalter hat einen Veranstaltungsort und eine Band gebucht. Hier fängt die Arbeit für uns bereits an. Wie viel Budget steht für die Technik zur Verfügung steht und reicht es aus? Wie sind die Anforderungen der Band, wie die örtliche Vorraussetzungen zur Durchführung geartet? Auf diesen Grundlagen wird die Produktion zusammengestellt, Angebote eingeholt, Verhandlungen geführt. Wenn sich alle Beteiligen einig sind, steht der Rahmen der Produktion und muss dann nur noch vor Ort umgesetzt werden. Um es mal ganz zu vereinfachen: Der Veranstalter bucht Ort und Band, macht die Werbung und den Kartenvorverkauf. Den Rest machen wir. Bei einer so großen Veranstaltung wie Rock am Ring spielen natürlich noch mehrere Faktoren mit und es werden noch weitere Bereiche abgedeckt, wie z.B. Parken und Camping, Sponsoren, Presse, Medien etc die wiederum von anderen Firmen oder Abteilungen des Veranstalters betreut und durchgeführt werden.
RFP:
Wie lange ist der Vorlauf, oder anders wie lange muss man sich die zeit von der Beauftragung bis zum fertigen „ Produkt" Rock am Ring vorstellen.
Karel Hamm:
Die Arbeit für Rock am Ring des nächsten Jahres beginnt praktisch mit Abschluss von Rock am Ring dieses Jahres. Auch wenn das für viele nicht öffentlichen erscheint, wird Rock am Ring ständig weiterentwickelt und an Verbesserungen gearbeitet, Erfahrungen, positiv wie negativ fließen in diesen Prozess ein. Als die Terminverschiebung dieses Jahr bekannt gegeben wurde, haben wir direkt an Möglichen Modellen zur Durchführung gearbeitet. Mit der Kontaktaufnahme der ersten gebuchten Band, Anfang des Jahres beginnt dann die so genannte heiße Phase der Ringvorbereitung.
RFP:
Am Anfang der Planung kann es ja nur Stückwerk, oder besser Grobplanung sein, denn ich könnte mir Vorstellen, denn noch nicht feststeht wer denn eigentlich Auftritt, kann keine Endgültige Planung stattfinden?
Karel Hamm:
Die Grundlage bezieht sich auf die beteiligten Firmen, wie Bühnenbau, Technik, etc. und auf die Vorgaben der Örtlichkeit. Am Ring zb. Sind wir oft zur Terminvorgaben stattfindender Rennen z.B. gezwungen unsere Ablaufpläne neu zu überdenken und zu gestalten. Wenn in letzter Minute noch ein „ Topact`` gebucht wird, nachdem die Planung sehr weit fortgeschritten ist, kann dies natürlich nochmals zu großen Änderungen führen.
RFP:
Stellt sich natürlich die Frage nach der Bühnengestaltung an sich. Wer macht da die Vorgaben? Die Künstler, der Veranstalter oder Stage-Access? Wie muss man sich das vorstellen?
Karel Hamm:
Hauptsächlich die Künstler. Wir achten im Gegensatz auf manch anderem Festival auf die Wünsche des Künstlers und dieses fließen in das Gesamtdesign mit ein, sofern dies mit der Machbarkeit und Sicherheit steht.
RFP:
Das Produktionsteam für Rock am Ring 2003 umfasst 18 Köpfe und reicht von dem Produktion Manager Karel Hamm, bis hin zum Elektriker Uwe Immel. Wie sieht, in knappen Zügen, das Aufgabengebiet eines Karel Hamms aus?
Karel Hamm:
Verantwortlicher Mittler zwischen den ganzen Einsatzleitern, dem Veranstalter und den Techniker, Künstlern. Anlaufstelle und Entscheidungsträger für alle technischen Belange.
RFP:
Ihrem „ Steckbrief`` habe ich entnommen, das Sie lange Jahre als Lichtdesigner, Lichttechniker und Rigger gearbeitet haben. Bleibt bei Ihrer jetzigen Tätigkeit ab und zu die Zeit, die eine oder andere Traverse noch selbst in die Hand zu nehmen, oder hier und da ein Lightbar zu riggen? Oder geht es gar nicht ohne selbst Hand anzulegen?
Karel Hamm:
Es geht natürlich auch ohne selbst Hand anzulegen, dafür haben wir ja viele Techniker vor Ort. Nur denke ich es ist von großen Vorteil, wenn der Produktionsleiter erstens weiß, was da genau passiert und zweitens bei Bedarf einschreiten kann und dann auch genau einschätzen kann was getan werden muss. Ich scheue mich keineswegs davor im Notfall eingreifen und tatkräftig mitzuhelfen.
RFP:
Wenn von Auftragvergabe der beteiligten Firmen gesprochen wird, dann stellt sich direkt die Frage, nach der Menge der beauftragten Firmen und der Anzahl der am Aufbau beteiligter Personen. Genau wird man dies wahrscheinlich nicht wissen, Daumenwert würde reichen.
Karel Hamm:
Ca. 10 beteiligte Firmen mit ca. 400 Mitarbeitern.
RFP:
Bei der Planung des Bühnenbildes haben die Künstler öffentlich ein mehr oder weniger großes Mitspracherecht. Kommuniziert man in diesen Fragen mit dem Künstlern direkt, oder mit deren Beauftragten?
Karel Hamm:
Auch die Künstler ihrerseits haben eigene Produktionsleiter und Techniker, mit denen findet solche Kommunikation statt.
RFP:
Der Name Künstler kommt von Kunst und wir wissen, bleibt die Realität manchen Künstlern schon mal auf der Strecke. Kommt es vor, dass man bei den Gestaltungswünschen des Bühnenbildes, regulierend eingreifen muss?
Karel Hamm:
Das kommt hin und wieder mal vor.
RFP:
Gab es gestalterische Wünsche von Bands, die nicht erfüllt werden konnten, oder aus wirtschaftlichen Gründen abgelehnt werden konnten. Gibt es da ein herausragendes Erlebnis?
Karel Hamm:
Es gab schon des Öfteren Gestaltungswünsche von Bands, die aber weniger aus wirtschaftlichen Gründen, eher aus Gründen der Sicherheit abgelehnt werden mussten. Oder weil es nicht in den Ablauf eines Festival zu integrieren waren. Oder weil sie den Vorgaben der Bau-Aufsicht widersprachen.
RFP:
Und umgekehrt natürlich, welches Arrangement ist als herausragend in Ihrer Erinnerung geblieben und warum?
Karel Hamm:
Es gibt immer mal wieder so genannte herausragende Produktionen, das sind zumeist solche, die auch die Kompliziertesten sind, aber dadurch auch rechte Herausforderungen darstellen. Dies sind im Besonderen die etwas angegrauten Rockbands, die mit viel Set, Pyro und Effekt-Tricks ankommen, wie z.B. Iron Maiden, Kiss, Peter Gabriel etc. um nur wenige zu nennen.
RFP:
Als ich Sie nach der Möglichkeit ein Interview bzgl. Stage-Access per Mail kontaktierten, antworteten Sie mir um 22:30 Uhr. Wann schlafen Sie eigentlich Herr Hamm? … etwa erst nach Rock am Ring? Wie lange sind Ihre Arbeitstage vor solchen Veranstaltungen?
Karel Hamm:
Da natürlich ein Großteil der Vorbereitungsgesprächem mit amerikanischen Kollegen geführt werden muss, ist es eine natürliche Sache nachts aktiv zu sein. Kontinentale Zeitverschiebung lässt sich nun mal produktionstechnisch in den griff bekommen. Bei Veranstaltungen wie Rock am Ring sind Arbeitszeiten zwischen 16 und 20 Stunden täglich keine Seltenheit.
RFP:
Ich habe gesehen das die Grönemeyer Tour auch von Stage-Access produziert wird, das so etwas gehen muss sieht man, denn sonst würde man einen solchen Auftrag nicht annehmen, aber wie teilt man sich bei so zwei großen Veranstaltungen auf?
Karel Hamm:
Überhaupt nicht, das läuft nebeneinander her und muss natürlich beides mit absoluter Konzentration bearbeitet werden. Jeder, der in dieser Branche tätig ist, kennt den Idealfall, das erst eine Produktion zu Ende geführt werden kann bevor es an die nächste geht, zwar aus Sagen und Legenden, nicht aber aus der Realität. Oftmals ist es auch so, das nach einer längeren Phase ohne Aufträge plötzlich so viele Angebote hereinflattern, dass einige davon abgelehnt werden müssen. Leider!
RFP:
Können Sie uns die letzten Stunden vor beginn von Rock am Ring beschreiben? Wie groß sind die Bauchschmerzen das alles glatt geht? Hat man überhaupt Zeit daran zu denken? Könnte mir vorstellen das ein Produktion Manager der gefragteste Mann der letzten Stunden ist.
Karel Hamm:
Zeit für Bauchschmerzen zu entwickeln bleibt in den letzten Stunden gar nicht. Außerdem muss das Vertrauen in den eigenen Fähigkeiten und in die Mitarbeiter groß genug sein, sonst kann man es besser gleich lassen. Ein schönes Beispiel um dies zu beschreiben, ist ein oft erlebtes für mich. Ich habe vor meinem Büro aus zur Bühne zu gehen um dort noch ein paar Dinge zu überwachen, also ein Weg von knapp 50 Metern. Für diesen Weg brauche ich oft 1 Stunde, da ich mittlerweile 10 Leuten begegnet bin und nebenher 10 weitere Angelegenheiten erörtert und gesprochen habe, mal ganz abgesehen von den 20 Telefonaten auf meinen Handy zur selben Zeit.
RFP:
Wenn wir davon reden das etwas schief gehen könnte, stellt sich die Frage nach der lustigen Panne, oder dem schönsten Erlebnis?
schönsten Erlebnis?
Karel Hamm:
Leider ist die Belustigung des einen immer des Schaden des anderen. Pannen in unseren Geschäft haftet immer etwas Tragisches oder sogar Schmerzhaften an. Erst viel später mag ein Rückblick dazu dienen, das darüber geschmunzelt oder gelacht werden kann. Anekdoten gibt es natürlich so einige, z.B. das ein Techniker auf einer Tour bei einen Tankstop den Bus zum Pinkeln verließ und dadurch auf der Raststätte zurück gelassen wurde oder wir Morgens auf der Iron Maiden Tour auf einem leeren Feld standen, weil der Veranstalter vergessen hatte eine Bühne zu stellen. Das schönste Erlebnis gibt es eigentlich bei vielen Produktionen und das ist dann erreicht, wenn alles wie vorgesehen klappt und die Zuschauer und die Künstler zu einem verschmelzen. Jeder kennt wohl dieses Gefühl der „ Gänsehaut“.
RFP:
Gibt es eine herausragende Veranstaltung, die Stage-Access Produziert hat und an die Sie gerne zurückdenken, und was machte diese Veranstaltung für Sie so hervorragend?
Karel Hamm:
Es gibt viele solcher Veranstaltungen und nun eine einzelne heraus zu picken, würde damit die Bedeutung der anderen schmälern.
RFP:
Die Technik bei Rock am Ring wird auf der Stage-Access Homepage
(www.stage-access.com) ja ausführlich beschrieben, könnten Sie uns trotzdem ein paar Eckdaten zu der in 2004 verwendeten Technik geben. Beispielweise über zum Einsatz kommenden Neuerungen, mit der sich diese Veranstaltung von anderen abhebt.
Karel Hamm:
Es wird dieses Jahr ein neues Soundsystem zum Einsatz gebracht, das Vidosq Line Array. Darüber hinaus sollen mehr Delaylines als vorher gestellt werden.
RFP:
Wann beginnt die Arbeit vor Ort und an welcher Stelle fängt man an? Wie muss man sich das vorstellen?
Karel Hamm:
Die Arbeit vor Ort beginnt eigentlich später als uns lieb ist. Im Idealfall wäre unser Wunschaufbaubeginn ab Samstag, die Woche vorher. Da aber an den Wochenende vorher rennen stattfinden sind wir gezwungen auf Sonntagabend, in diesem Jahr sogar erst auf Montagmittag auszuweichen. Angefangen wird mit den Positionieren und Einmessen der 3 Bühnen.
RFP:
Gibt es bauliche Veränderungen, was den Bühnenbau anbetrifft? Bitte nehmen Sie mir dies nicht übel, aber für mich sieht die Center Stage jedes Jahr gleich aus. Abgesehen vom Logo vor der PA zu beiden Seiten.
Karel Hamm:
Da es sich ja um ein Festival handelt, welches es über drei Tage als Podium für dutzende von Bands dienen soll, sind wir darauf angewiesen den Rahmen so zu halten. Die Basis einfach und das Design wird den Wünschen der Topacts angepasst. Zuviel Design würde nur vom wesentlichen ablenken.
RFP:
Sicherlich erfolgt eine technische Abnahme des Ganzen, aber vom wem? Wer „ nickt ab“ und wo liegt dann die Verantwortung wenn die Technik abgenommen wurde?
Karel Hamm:
Die Verantwortung liegt vor und nach einer Bauabnahme bei den Verantwortlichen Betreibern der Technik. Die technische Abnahme erfolgt durch Prüfstatikern und Beamte des Ordnungsamtes.
RFP:
Ich glaube es war 1997, als die Center bei einen Gewitter vom Blitz getroffen wurde. Bei so einen Haufen Metal kein Wunder. Kann man einen Aufbau vor einer solchen Situation schützen? Wie Gefährlich ist ein Blitzschlag für Technik und Menschen? Ist eine Bühne ein Faraday Käfig?
Karel Hamm:
Die Bühne ist an mehreren Stellen geerdet, da kann eigentlich nicht viel passieren.
RFP:
Bleibt abschließend noch die Frage nach dem Abbau des Ganzen. Ich denke mal wenn der Drummer der letzten Band die Sticks weggelegt hat und der letzte Ton die PA verlassen hat, dann die geht die Arbeit des Abbauteams direkt los? Wie lange dauert der Abbau?
Karel Hamm:
Der Abbau der Technik beginnt tatsächlich nach dem letzten vernommenen Ton und läuft bis ca. 5 Uhr Nachts. Der Abbau der Bühne dauert bis zum übernächsten Morgen, also Dienstag früh, am Abend des selben Tages ist auch von allen Zäunen, Gittern, Zelten und sonstigen Aufbauten nichts mehr zu sehen.
RFP:
Gibt es noch Dinge die Sie der Rock am Ring Fan Gemeinde gerne sagen möchten oder etwas was sie unbedingt loswerden möchten?
Karel Hamm:
Ich möchte allen Fans oder Ringbesuchern für Ihren Besuch und Ihre Teilnahme danken. Ohne Euch währe eine so große Produktion niemals möglich gewesen und auch manche Kritik hat letztendlich dazu geführt, diverse Dinge zu überdenken und zu ändern und immer weiter zu verbessern.
Stellvertretend für das RaR-Fan-Project möchte ich mich bei Ihnen jetzt schon für Ihre Mühe danken, denn allein das Lesen der Fragen, birgt ja schon erheblichen Zeitaufwand in sich. Suchen Sie einfach die Fragen heraus die Sie gerne beantworten möchten.
Vielen Dank!
Mit Freundlichen Grüßen
RaR-Fan-Project
Werner Breidert
Mai 2003